Das Tagebuch der langen Kinonächte
In seinen "Nachtnotizen" hat SR-Reporter Sven Rech wieder mit spitzer
Feder festgehalten, was sich so im Herzen und am Rande des Festivals an Kommentarwürdigem
ereignet hat.... Sonntag, 23. Januar: Abschied Das Fest
ist aus. Zum Schluss - am Sonntag - wurde noch einmal viel gelacht, viel geweint
und sich viel um den Hals gefallen. Auf Wiedersehen, es war so schön!Preise
wurden auch vergeben, aber das war reine Formsache. Denn die diesjährige
Jury hat ihre Urteile zur Sicherheit schon mal bei den nächtlichen Diskussionen
und Partys zum besten gegeben - teilweise haben wir ja bereits darüber berichtet.
Offenbar hat ein Jurymitglied sich auch am Samstagabend zu einer Indeskretion
hinreißen lassen, und zwar vor der - zugegeben - auch sehr hinreißenden
Schauspielerin Lavinia Wilson. Offenbar nicht wissend, wie er sie sonst anbaggern
könnte, ist das Jurymitglied M. anläßlich einer Tanzveranstaltung
in Lolas Bistrot bei der jungen Dame mit den Worten: "Herzlichen Glückwunsch
zum Darstellerpreis" vorstellig geworden. Die selbst in dieser Situation
immer noch hinreißende Lavinia Wilson ließ sich von dem Jury-Kavalier
jedoch dennoch nicht hinreißen, sondern wies ihn mit ein paar abgerissenen
Worten ab. Der Plan, mit einem vorgeschobenen blauen Herz das reine Herz der jungen
Schauspielerin zu erobern, musste somit als gescheitert gelten. Ein
Kavaliersdelikt, wie gesagt, das als Einzelfall sicher verzeihlich ist (sie ist
wirklich hinreißend!), aber dennoch nicht unbedingt Schule machen sollte.
Denn nicht immer steht außer der Preisverleihung auch der Abschied vom Festivalleiter
auf dem Programm, und nicht immer hat das Festival seinen Chef so lieb wie in
diesem Fall. Man wüsste also gar nicht, was man noch sagen sollte, wenn alle
schon die Preisverteilung kennen und sich für den Festivalchef nicht interessieren
würden.In diesem Jahr aber ging - wie gesagt - der Jury-Lapsus unter in einer
allgemeinen Boris-Penth-Gedächtnis-Feier. Aus einer der hinteren Reihen zischte
es boshaft, das grenze ja schon an stalinistischen Personenkult, aber ganz so
schlimm ist es denn doch nicht gewesen. Das Antlitz von Festivalstammvater Stuby,
das in jedes Ophülsbüro streng, aber gerecht auf die Schreibtische und
in die Gedanken der Mitarbeiter hinabschaut, wird auch in Zukunft nicht durch
ein Penth-Porträt ersetzt werden; und nach unseren Informationen ist auch
weder an eine Umbenennung des Festivals noch an eine Neugestaltung der Trophäe
gedacht. Obwohl: Nach den Thermoskannen, die sie jetzt verschenken, würde
einen ein Goldener Boris auch nicht mehr wundern. Nicht mal ein nackter. Wir wollten
dem scheidenden Ophüls-Chef aber keine Lästerungen hinterherrufen, sondern
ein großes Dankeschön. Denn ihm ist es zu verdanken, dass das Festival
mittlerweile einen solchen Ruf hat, dass selbst der allererste Ophüls-Preisträger
wieder nach Saarbrücken zurückgekommen ist - und das, obwohl neben dem
Ophüls-Silberbecher, den es damals gab, längst ein Oscar im Trophäenregal
steht: Volker Schlöndorff. Der Ehrengast. Solche Gäste ehren das Saarland.
Hätten wir nur mal solche Politiker! Denn erwähnen muss man
hier noch den wenig rühmlichen Auftritt des Finanzministers J. Der tat so,
als habe er eben persönlich des Ophüls-Festival vor der Pleite gerettet
- dabei hat er mit der Finanzierung desselben recht wenig zu tun. Verantwortlich
ist er vielmehr für das drohende Kaputtsparen des Theaters, auf dessen Bühne
er sich gerade befand. Was soll man dazu sagen? Schade, dass immer nur die guten
Leute gehen. (Sven Rech) |