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"Laudatio" für Thomas Grube und den Film "Rhythm
is it" zur Verleihung des FILMHAUS-AWARD 2005 gehalten am 23. Juli
2005, Filmhaus/Saarbrücken von Matthias Kaiser (Operndirektor/Saarländisches
Staatstheater) Liebe Filmfreunde, verehrter Thomas Grube, dass
Sie für Ihren wunderbaren Film heute den Filmhaus Award erhalten würden,
ahnte man lange vor der Vergabe des Deutschen Filmpreises an Sie und Ihr Team.
Was das heißt? Es spricht für die Weitsicht der Jury des deutschen
Filmpreises... und die Saarländischen Kinogänger, die "Rhythm is
it" zum best besuchten Film deutscher Filmemacher im Programm dieses Kinos
gekürt haben. Es ist für mich eine Ehre und ein Vergnügen,
Ihren Film hier würdigen zu dürfen. Als Theatermann gehöre ich
zwar nicht zu Ihrer "Film-Familie", darf Ihnen aber versichern, in der
Sache dürfen Sie uns zu den engsten Verwandten zählen. Angekündigt
wurde im Festprogramm für heute abend eine "Laudatio". Das klingt
immer ein wenig nach 50. Geburtstag (mindestens), "Lebenswerk" oder
Ruhestand. Ich würde es daher gerne eine Nummer kleiner machen und Ihren
Film lediglich begründet loben. Wie jeder weiß, der künstlerisch
oder politisch tätig ist, öffentlich kommentiert und beobachtet wird,
oder sich dazu journalistisch berufen fühlt, ist Kritisieren immer leichter
als Loben. Das stimmt tatsächlich meistens - im Fall von "Rhythm is
it!" hingegen stimmt es nicht. Der Filmhaus Award wird vergeben an den
Film "Rhythm is it"! Nicht an das Projekt der Berliner Philharmoniker
mit Berliner Jugendlichen für eine choreografierte Aufführung von Igor
Strawinskys "Sacre du printemps". Das scheint mir wichtig, noch einmal
zu betonen - denn neben der Kraft, der Phantasie und der Klugheit der Berliner
Projekt-Macher, hat es die gleiche Kraft, Klugheit und Phantasie eines Dokumentarfilmers
daneben schwer. Aber bitte erwarten Sie nicht, meine Damen und Herren, dass
ich mich auf mir fachlich wenig vertrautes Terrain begebe und Kameraführung,
Schnitt, Licht usw. als Fachmann lobe. Ich lobe es, weil es mich als Theatermann
gefangen hat; nicht von Anfang an, sondern allmählich, immer stärker,
bis zum Gebanntsein am Ende - eine Spannungskurve, die den Entstehungsprozess
des gesamten Projekts nachzeichnet. Sie merken es: Hier lobt der Dramaturg!
Die Mühsal der Beschränkung hat sich gelohnt, und der Spannung, die
nun mal unser Geschäft ist, gedient (man vergleiche etwa das lediglich epochale
Ausmaß besitzende Mammut-Dokumentations-Projekt von Syberberg über
Winifried Wagner - dort fasziniert das Grauen, bei Ihnen die Lust!). Sie
zeigen das Ergebnis der dokumentierten Theaterarbeit, die Premiere in der Treptow-Arena
nur am Ende Ihres Filmes und relativ kurz - das ist klug und mutig zugleich. Dramaturgisch
klug ist es, weil Sie die Spannung auf den Tag X nie aufgeben; mutig ist es, weil
Sie die Allwissenheit (und Allmacht) des Berichtetenden zurückstellen hinter
die Zeitschiene des Erlebens ihrer Protagonisten. Wir dürfen uns Kraft Ihrer
präzis kalkulierten Erzählweise nie klüger fühlen als Ihre
"Helden". Das ist heilsam gegen intellektuelle Arroganz. Trotzdem:
Einmal blitzt sie vorzeitig auf, die "fertige" Vorstellung. Dies ist
meine persönliche Lieblingssequenz des Filmes: Simon Rattle berichtet über
die Intensitätssteigerung nach dem Hören und Spielen von Musik - die
Farben erscheinen plötzlich zehn Mal intensiver, genauso wie Geschmack, Geruch
und alle anderen sinnlichen Wahrnehmungen. Davon spricht er mit seinem verschmitzen
hintersinnigen britischen Understatement - als plötzlich im originalen Licht
mehrere gestreckte Finger einiger Tänzer die ungeheure Energie anzeigen,
die der unermüdlich rackernde Choreograph Royston Maldoom immer wieder für
die jetzt einmal kurz aufblitzende Premiere beschworen hatte. Ein paar Energie
geladene Hände (gut beleuchtet, das stimmt wohl...) - und das ganze Geheimnis
eines Theaterabends - nein: entschlüsselt sich nicht; es entfaltet sich!
Das ist Theater pur - intelligent - weil aufs äußerste reduziert -
ins Bild gesetzt. Überhaupt: Uns Theaterleuten wird (nicht ganz zu Unrecht)
nachgesagt, dass wir - im besten Fall - eifersüchtig aufs Kino wären.
Dem entgegne ich meist unerschrocken mit aufrechtem Minderheiten-Trotz, dass auch
die Malerei durch die Erfindung der Fotografie nicht verendet sei; dieser Film
aber zeigt, dass Partnerschaft zwischen unseren Schwesterkünsten im besten
Sinn möglich und auch noch für beide Seiten nützlich ist.
Was heißt im besten Sinn? Unsere jeweiligen Stärken bündeln auf
ein gemeinsames Ziel. Die Faszination des unwiederbringlichen Augenblicks ist
- gestatten Sie mir die Vertraulichkeit - dieses gemeinsame Ziel. Das ist in diesem
Dokumentarfilm gelungen, wie ich keinen zweiten wüsste. Zu ahnen, besser:
zu wissen, wann und wo Entscheidendes und Filmbares sich ereignet, ist eine für
diese Dokumentation meisterlich beherrschte Kunst. Denn ist der entscheidende
Augenblick vorbei, können auch die besten Dokumentaristen ihn nicht zurückholen.
(In diesem Punkt sind wir Theaterleute Ihnen sehr nah!). Hat man ihn aber eingefangen,
dann ist er reproduzierbar geworden, der große Moment samt seiner Aura (In
diesem Punkt sind wir ihnen neidvoll fern...). Ein besonderes Faszinosum dieses
Films liegt hier: Nicht nur die wichtigen Bilder, auch die wichtigen Sätze
sind dokumentiert. In der Theaterarbeit soll es sie auch während des Probenprozesses
geben - doch bei uns sind sie für immer fort und meist vergessen. Gegen dieses
Vergessen arbeitet der Film an. Und wie viele gute Sätze gibt es zu hören
und zu sehen! Ob Sir Simons Statements im Interview oder vor den Philharmonikern,
Roystons Klugheit oder die Ehrlichkeit der vier Jugendlichen. Besonders das Letztere
einzufangen, bedarf es mehr als eines Mikrophons und einer Kamera - es bedarf
Vertrauen, Geduld und Einfühlung. Diese Tugenden, Ihre Tugenden haben diesen
Film mitgeprägt. Um noch einen Augenblick im Vergleich Theater - Film
zu bleiben: Das was hier am Schneidetisch geleistet wurde, können wir Außenstehende
wohl kaum adäquat würdigen. Doch der Fleiß, die Intuition, die
Handwerkskunst und der konzeptionelle Überblick, der hier gefordert war,
drängt sich auf, mit unserer Probenarbeit im Theater verglichen zu werden;
das, was hier nach der Theaterpremiere kam, liegt bei uns davor. Das ist unser
Vorteil: Einsam sind wir vor der Probenarbeit; Sie waren es gewiss nach der "Sacre"-Premiere
im Schneideraum. Obwohl ich kein Cineast bin, gestatten Sie, dass ich zwei
"Gewerke" ganz besonders lobe: Ton und Schnitt nämlich (vielleicht,
weil ich von Rhythmus und Klang noch relativ (relativ!) am meisten verstehe).
Mit welcher Sorgfalt hier aufgenommen, bearbeitet und musikalisch zugeordnet wurde,
steht einer selbstständigen musikalischen Komposition in Nichts nach! Und
die Faszination der Musik ist Strawinsky, den Philharmonikern und Ihrer Toncrew
zu gleichen Teilen geschuldet. Und was den Schnitt angeht - hier ist wirklich
Rhythmus! Tempo, Gliederung, Synchronität vieler Ebenen, Überraschung
und Kontemplation sind tatsächlich meisterhaft komponiert. Wie ein gutes
Musikstück eben - viel Strawinsky-Hören scheint ansteckend zu sein... Genug
von den Tugenden der Kunst-Arbeit - reden wir einen Moment von Schönheit.
Dass Berlin den Metropolen-Charme von New York oder London haben könnte,
hat mir überraschenderweise dieser Film gezeigt; doch wichtiger am gezeigten
Berlin ist der Kontrast der Gesichter zum Pflaster, der Lebendigkeit zur Kälte
(welch ein Glück für den Dokumentaristen, dass dies Projekt im Winter
stattfand - den kreativen Blick für die beiden schwarzen Jungs im Schnee
muss man allerdings trotzdem erst einmal haben!). Die Verwandlung von Alltag
in Kunst, dieser magische Prozess, der den Zuschauer verführt, die Schönheit
in der Vereinigung von Sinn und Erscheinung anzuerkennen, diese Magie der theatralen
Verwandlung dominiert "Rhythm is it". Und beeindruckend ist dabei noch
dazu: Der Film, das Film-Machen und die Macher treten vor dieser Magie zurück.
Schönheit entsteht im Auge des Betrachters - wie wir wissen. Daher ist
der Film eben auch schön, weil er oft schweigsam ist. Er lässt uns Zeit
zum Hinsehen. Kein verbaler Autorenkommentar zwingt uns eine Einschätzung
des Gesehenen auf. Der Film lässt uns Betrachtern die Entdeckerfreude (und
den Machern die heimliche Freude, das es gelingt - nehme ich an). Also: Schön
ist dieser Film ganz sicher; wichtig, besser: bedeutend (in des Wortes ursprünglichem
Sinn) natürlich auch. Er ist bedeutend - für die jungen Tänzer,
die ein wunderbares Dokument ihres ganz persönlichen Erfolges besitzen
- für die Berliner Philharmoniker, die sich zwar noch nie über mangelnden
Beifall beklagen konnten - ihn nun aber von Menschen erhalten, denen sie zum ersten
Mal begegnen - für das Choreografen-Team, das einen um das nach zig Tausenden
zählende Filmpublikum vergrößerten Dank für ihre jahrzehntelange
Arbeit an der Kunst der Bewegung erhalten - für Simon Rattle, dem bestätigt
wird, dass es zwischen Hochkultur und der Straße keine unüberwindliche
Barriere gibt - für Strawinskys "Sacre", das neue Fans gefunden
hat Der Film ist wichtig - für die Jugendlichen, die sich zuschauend
wieder finden und vielleicht einen ähnlichen Mut und Stärke in sich
entdecken - für die Menschen, die bisher nicht ahnten, welch harte und
existentiell fordernde Arbeit Theatermachen ist - die im besten Fall verzweifelten,
im schlimmsten Fall larmoyanten Künstler, die glauben, es lohne sich nicht
mehr... - das Kultumanagement, das sich fürchtet, die Grenzen ihrer Institute
zu öffnen - für unser aller Selbstbewusstsein, dass in Deutschland
ein solch internationales Projekt möglich ist (international in Deutschland
- das wäre ein Ziel...) Nicht gut ist dieser Film - und dafür
gebührt ihm besonderes Lob - für diejenigen, die glauben mit Kulturstreichungen
Ihr populistisches Mütchen kühlen zu dürfen (zum Mut hat's bei
denen ja noch nie gereicht). Es ist ein grandioser Film über die Einheit
des Sozialen, des Künstlerischen und des Existentiellen. Ich kann hier
nur mit Worten loben. Doch auch ein tatkräftiges Lob scheint möglich:
Nämlich angeregt durch Ihren Film das Berliner Projekt nachzuahmen. Ja, es
häufig und an vielen Orten zu reproduzieren. Es wäre zu wünschen
und ich bin eigentlich sicher, dass viele meiner Kollegen ähnlich denken
und handeln werden. Zum Schluss noch eine Anerkennung nicht an den Regisseur,
sondern an den Produzenten: Dass Sie es geschafft haben, die Berliner Philharmoniker
ohne Fix-Honorar für die Abgeltung der sogenannten Leistungsschutzrechte
zur Mitwirkung zu bewegen, sondern wie alle lediglich auf Basis einer Gewinnbeteiligung,
ist ein schieres Wunder! Auch mir persönlich hat dieser Film Mut gemacht.
Denn um eine so gute Dokumentation zu drehen, bedarf es eben auch eines lohnenden
Objekts. Wie - zum Beispiel - das THEATER. Verehrter Herr Grube: Wenn
denn hoffentlich irgendwann einmal die Gewinnausschüttung Ihnen ein gewisses
Gefühl der Freiheit suggerieren sollte - wir alle sind sehr gespannt auf
"Rhythm is it - The directors cut"! Ich danke Ihnen!
Und Ihnen, liebes Publikum! |