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Jene kritische westdeutsche Nachkriegsgeneration,
die in den sechziger Jahren anfing, politisch zu denken und zu handeln,
fand im eigenen Land nur wenige Persönlichkeiten, die ihr etwas
zu sagen hatten: da waren die aus dem Exil zurückgekehrten
antifaschistischen Politiker; da waren die Schriftsteller, Philosophen,
Theologen und Wissenschaftler, die sich dem Naziregime verweigert
hatten; da war ein Filmregisseur, der mit diesem Regime abrechnete
- Wolfgang Staudte .
Die Konzentration aller Kräfte auf den Wiederaufbau half den
Älteren die unselige Vergangenheit zu verdrängen. Dieser
Verdrängungsmechanismus erleichtere den Prozess der politischen
und personellen Restauration, an dem die Jungen Anstoß nahmen.
Die junge Generation musste weitgehend alleine damit fertig werden,
dass ihre Eltern den Nationalsozialismus zugelassen hatten. Ihr
Protest war nicht zuletzt das Ergebnis ihrer Aufarbeitung des Nationalsozialismus
und seiner mangelnden Bewältigung durch die bundesrepublikanische
Gesellschaft der Adenauerzeit. Deshalb war ihr politisches Engagement
stark moralisch motiviert.
Auch der Regisseur Staudte war ein politischer Moralist, auch seine
politischen Filme "ROTATION", "DIE MÖRDER SIND
UNTER UNS", "ROSEN FÜR DEN STAATSANWALT", "KIRMES",
oder "HERRENPARTIE" setzten sich mit der faschistischen
deutschen Vergangenheit auseinander. Darüber hinaus war ihm
mit der Verfilmung des Romans "DER UNTERTAN" von Heinrich
Mann eine meisterhafte, zeitlose Karikatur des kleinbürgerlich-deutschen
Mitläufers gelungen. Kein Wunder also, dass diese Filme während
den sechziger Jahren vorwiegend in den auf ein kritisches junges
Publikum ausgerichteten Kunst- und Studentenkinos großen Anklang
fanden.

Als einziger westdeutscher Regisseur schwamm Staudte in der Adenauer-Ära
gegen den Strom der allgemeinen Geschichtsverdrängung und verstörte
die heile Welt des Heimatfilms. Dadurch erregte er Missfallen. Selbst
der Kassenerfolg von "Rosen für den Staatsanwalt"
änderte nichts an der Tatsache, dass es für ihn immer
schwerer wurde, einen Produzenten zu finden. Als endlich in den
späten sechziger Jahren die Bewältigung der faschistischen
Vergangenheit von der aufmüpfigen Jugend und den kritischen
Intellektuellen auf die Tagesordnung der bundesdeutschen Kulturszenerie
gesetzt worden war, hatte Staudte längst auf die Gattung des
handwerklich gediegenen Unterhaltungsfilms umgesattelt.
Mitte der siebziger Jahre beschritt die Stadt Saarbrücken neue
Wege der Kulturpolitik. Unter anderem sollte auch die Filmkunst,
die bis dahin eher als eine Exzentrikerliebhaberei im Schatten der
kommerziellen Kinos geduldet war, aufgewertet werden. Aus dem ersten
Schritt eines programmanteiligen Engagements der Stadt bei dem privaten
"Studio für Filmkunst" Camera entwickelte sich in
wenigen Jahren das gleichnamige "Saarbrücker Stadtkino",
das mit gezielten Angeboten für alle Alters- und Interessengruppen
ein breites Publikum fand. Diesem erfreulichen Trend sollten noch
besondere Lichter aufgesteckt werden. Man prüfte, welche bedeutenden
Namen des Filmschaffens in einem konkreten Bezug zu Saarbrücken
standen. Nach der Einrichtung des Max Ophüls-Wettbewerbs wurde
auch Wolfgang Staudte angesprochen, ob er bei einer umfassenden
Retrospektive seines Werks in Saarbrücken mitwirken wolle.
Die Retrospektive kam nicht zustande. Wolfgang Staudte hatte zu
seiner eher zufälligen Geburtsstadt - auch seine Eltern lebten
hier nur etwa anderthalb Jahre - kaum Beziehungen knüpfen können.
Aus dem Eintrag ins Geburtenregister konnte er nichts Verbindliches
ableiten. Da er gegen den falschen Schein war, wurde er kein "Vorzeige-Saarbrücker".
Als ich, damals Oberbürgermeister von Saarbrücken, wegen
meines Kampfes gegen die Nachrüstung angegriffen wurde, meldete
er sich persönlich aus Sylt: "Seien Sie sicher - schrieb
er - es gibt viel, die auf Ihrer Seite stehen und einer davon ist,
wie Sie, in Saarbrücken zur Welt gekommen".
Im Jahr 1960, als sich die antisemitischen Ausschreitungen häuften,
schrieb Staudte einen offenen Brief an alle Tageszeitungen "Eine
Demokratie lebt vom Anstand und dem Mut der Bürger, Feigheit
macht jede Staatsform zur Diktatur. Indem wir die Schuld der Vergangenheit
von uns zu wälzen versuchen, machen wir uns erneut schuldig".
Kein Satz kann den politischen Moralisten Staudte treffender charakterisieren.
Kein Satz ist heute aktueller.
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