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Der Film:
Langsam zieht der Titelschriftzug durchs Bild, wie ein Zug, der
anfährt - und gibt den Blick frei auf eine Ansammlung länglicher
Dächer aus der Vogelperspektive. Sie wirken wie schlafende
Schlangen, abstrakt und grünbeige, sorgsam gegliedert wie ein
konstruktivistisches Gemälde. Dann bewegt sich doch etwas.
Aber erst, wenn das typische metallische Quietschen ertönt,
weiß man, dass man es wirklich mit Zügen zu tun hat.
Zaghaft setzt ein Schlagzeug ein, ein Lok pfeift, ein Basslauf kommt
dazu, die Musik wird dichter, und endlich sieht man eine der Hochbahnen
von der Seite mit bunten Graffitis übersät quer durchs
Bild fahren, dann eine Zweite, eine Dritte, alle von rechts nach
links, in einem ganz ungewöhnlichen Rhythmus. So beginnt "Stations
of the Elevated". Wer sich auf diese ruhige, atmosphärische
Dokumentation mit ihren vorbeiziehenden Zugbildern, spärlichen
Geräuschen und der schwebenden Musik von Charles Minges einlässt,
der ist schon nach wenigen Minuten gefangen von dieser eigentümlichen
Welt. Die Franzosen sagen "Cinépoème" zu
so einem Film, der ganz von seiner Stimmung lebt, ohne Kommentare
auskommt, stellenweise wie ein Experimentalfilm wirkt, wie Malerei
in Bewegung oder auch wie bebilderte Musik.
Nostalgische Gefühle kommen auf: Als Manfred Kirchheimer 1979
die Graffiti - Kunst der New Yorker Hochbahnen mit seiner Kamera
festhielt, war sie schon im Verschwinden begriffen, weil der New
Yorker Bürgermeister den Sprayern den Kampf angesagt hatte
und die Bahnen so schnell säubern ließ, dass sie keine
Chance mehr hatten. Auch die Jazz-Musik war 1979 ein Anachronismus,
denn zur Kultur der schwarzen Sprayer gehörten Rap und Breakdance,
nicht die so schöne einlullende Jazzmusik, ohne die der Film
eine ganz andere Stimmung hätte. Kirchheimer hat auch bewusst
die schönsten Züge gefilmt, mit Graffiti, die wirklich
Kunstwerke sind wegen ihrer kantig ineinander verschlungenen Buchstaben,
die man oft erst auf den zweiten Blick entziffern kann: "Pusher",
"Slave", "Crime", "Hate", "Earth
is Hell" ist da zu lesen. Anklagen an eine unmenschlich gewordene
Welt. Hoffnungen spendende Worte wie "Heaven is Life"
finden sich nur selten, meint doch der mehrdeutige Filmtitel nicht
nur "Bahnhöfe der Hochbahn", sondern erinnert auch
an die Stationen eines Kreuzweges. Aber eine Jesus - Figur taucht
nicht auf, stattdessen fahren Charlie Brown und Mickey Maus auf
dem Zug. Die gemalten Comic-Helden finden ihre Pendants in den ebenfalls
comic-haften, aber viel bedrohlicher wirkenden Cowboys auf den riesigen
Werbetafeln an den Bahnhöfen, auf Werbetafeln und Hauswänden
entlang der Strecke.
Irgendwann fahren die Züge schneller, und in der entgegen
gesetzten Richtung werden die Malereien aggressiver: Man sieht in
die Mündung eines Revolvers, auf weiße Totenköpfe,
auf gewaltige stählerne Brückenkonstruktionen, zwischen
denen die Züge durchfahren, auf triste Hochhaussiedlungen aus
rotem Backstein, vor denen schwarze Kids spielen, auf einen ausrangierten
Panzer mitten auf der Wiese. Das sind die Momente, in denen man
spürt, dass es Kirchheimer jenseits aller Ästhetik auch
darum ging, das Leben im schwarzen Ghetto zu zeigen, das solche
Graffitis entstehen ließ.
Mit "Stations of the Elevated" hat der 1931 in Saarbrücken
geborene jüdische Dokumentarfilmer, der schon 1936 mit seinen
Eltern auf der Flucht vor den Nazis in Amerika landete, seine zweifellos
besten Film gedreht. Das kommentarlose Gegenüberstellen der
illegalen Graffiti-Kunstwerke mit den gesellschaftlich anerkannten
auf den Werbetafeln, die nachdenklich machenden Graffiti-Texte,
die langsame Fahrt der Züge aus der überladenen Stadt
hinaus in die ländlichen Vororte, die selbst wie Graffiti-Figuren
wirkenden, meist nur als Schatten wartenden Menschen auf den Bahnsteigen
- all diese meisterhaft fotografierten Szenen wirken heute, 20 Jahre
später, da diese Subkultur in die moderne Kunstwelt integriert
und verfremdet ist - noch eindringlicher als zu ihrer Entstehungszeit.
Dass dieses Zeitzeugnis, das in Deutschland in den 80er Jahren nur
auf Festivals zu sehen war, jetzt doch noch in die Kinos kommt,
ist ein kleines Wunder, auch wegen seiner Dauer von nur 46 Minuten.
Im Beiprogramm gibt es darum noch einen zweiten Film Kirchheimers,
den 15-minütigen Kurzfilm "Claw" ("Klaue",
1968), eine ebenfalls wortlose Studie: Ein riesiger Abrissbagger
verrichtet sein Werk wie ein böses Monster und bringt im Dienst
der Stadtsanierung ein Haus zum Einsturz - fast so lyrisch und anklagend
wie der Zugfilm. So kann man spät, aber vielleicht nicht zu
spät, nach dem traditionell gemachten Kirchheimer-Dokumentarfilm
"We Were So Beloved" (1985) über vor den Nazis geflohene
Juden, die sich in den USA ansiedelten, auch einen sehr poetischen
Dokumentarfilmer und sein schmales Werk kennen lernen: denn der
Dozent der New Yorker School of Visual Art, der seit Mitte der 80er
-Jahre regelmäßig beim Saarbrücker Max-Ophüls-Festival
die Filme seiner Studenten zeigt, hat seit 1965 nur etwas mehr als
eine Hand voll Filme finanzieren und drehen können. (Andrea
Dittgen)
Die poetische Dokumentation über die kunstvollen Graffiti
auf den New Yorker Hochbahnen im Jahr 1979 zeigt die verschwundenen
Formen der illegalen Spontankunst mit tristen Alltagsbotschaften
aus dem schwarzen Ghetto, aber auch Parallelen zu den legalen, oft
aggressiven Werbetafeln am Wegesrand. Ein meisterhaft fotografiertes
stimmungsvolles Zeitzeugnis, das sich jeden Kommentars enthält,
aber durch die anachronistische Jazzmusik und den malerisch-musikalischen
Rhythmus die Spraykunst auch nostalgisch verklärt. - Sehenswert
(Filmdienst 20/00)
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