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Neben
Franz Hofer, Max Ophüls und Manfred Kirchheimer ist Wolfgang
Staudte einer der bekanntesten in Saarbrücken geborenen Regisseure.
Er prägte den deutschen Film nach 1945 und beeinflusste das
kulturelle Gedächtnis und die Selbstwahrnehmung der Deutschen.
Ich gehöre einem Typus Mensch an, der lebhaft Anteil nimmt
am Alltag, am öffentlichen Leben, an der Politik, der protestiert
gegen das, was er für Unrecht hält oder Be-drohung.
Wolfgang Georg Friedrich Staudte wird als Sohn von Fritz Staudte
und Mathilde Firmans, einem Schauspielerehepaar, 1906 in Saarbrücken
geboren. 1912 siedelt die Familie von Saarbrücken nach Berlin
um. Staudtes Karriere beginnt zunächst als Schauspieler in
Inszenierungen von Reinhardt und Piscator an der Berliner Volksbühne.
Seine erste Filmrolle spielt er in Lewis Milestones Verfilmung von
Im Westen nichts Neues im Jahre 1930. Es folgten Filmauftritte in
Pour le mérite, Der Unteroffizier und Das Gewehr über,
in denen Staudte in die Rolle von Soldaten schlüpft.
Obwohl Staudte 1933 zunächst wegen seiner Mitwirkung in den
Stücken der Volksbühne und in Im Westen nichts Neues seine
Schauspielerlaubnis entzogen wird, findet er Arbeitsfelder als Rundfunk-sprecher
und als Werbefilmer. Bis zum Jahr 1939 wird er 100 Werbefilme gedreht
haben. Durch diese Tätigkeit lernt Staudte die Sprache des
Films kennen. Seine Kenntnisse von Bildsprache, Einstellungen, Sequenzen
und Perspektiven sowie die Grundlagen der Montage dürfte Staudte
in dieser Zeit erworben haben. Aus dem Jahr 1933 stammt auch sein
erster Kurzfilm Ein jeder hat mal Glück, der bis zu seiner
Entdeckung nach Staudtes Tod in keiner Filmographie auftaucht.
Seine Zusammenarbeit mit Künstlern, die zwar nicht konform
zur faschistischen Ideologie produzieren, aber von der "faschistischen
Filmmaschine" profitieren, führt dazu, dass Staudte ein
moralischer Gesichtsverlust vorgeworfen wird. Dieser Vorwurf wird
durch seine Statistenrolle als stummer Soldat in Jud Süß
bestärkt, einer Produktion, die durch antisemitische Klischees
dem Judenhass im Dritten Reich den Weg bereitet. Staudte wird später
versuchen, seine Beteiligung an Propagandafilmen damit zu erklären,
dass er nur durch die Teilnahme an diesen Produktionen habe dem
Kriegsdienst entgehen können.
1943 führt Staudte zum ersten Mal Spielfilmregie. Den Vorstellungen
von Reichspropagandaleiter Joseph Goebbels, der zu dieser Zeit sogenannte
Ablenkungskomödien befiehlt, dürfte der Realismus von
Staudtes Akrobat Schö-ö-ön jedoch kaum entsprochen
haben.
1945 wird der UfA-Konzern von den Siegermächten geteilt und
die Produktionsstätten unter die Kontrolle der Militäradministration
gestellt. Als die Filmstudios in Babelsberg wieder in Betrieb genommen
werden, entstehen zunächst deutsche Synchronfassungen russischer
Spielfilme und Wochenschauen. Wolfgang Staudte leitet die Synchronregie
bei der ersten Übertragung eines russischen Spielfilms ins
Deutsche. Es ist Sergej Eisensteins Iwan Grosny, Iwan der Schreckliche
(1945).
Staudte wird 1972 noch bei einem jüngeren "Klassiker"
der Filmgeschichte Synchronregie führen. Auf ausdrücklichen
Wunsch Stanley Kubricks ist er für die Übertragung von
A Clockwork Orange verant-wortlich.
Staudte beteiligt sich in den Nachkriegsjahren auch an der theoretischen
Konzeption des neuen deutschen Films. Er schließt sich der
Gruppe Filmaktiv an, einer Gruppe von Filmregisseuren, Dramaturgen
und Autoren, die aus dem sowjetischen Exil zurückgekehrt sind.
Diese Gruppe, aus der später die Deutsche Film AG (DEFA) hervorgehen
wird, erhält von der sowjetischen Militäradministration
Unterstützung. Staudte hat konkrete Vorstellungen von der Erneuerung
des deutschen Films und gibt in Denkschriften und bei Treffen, die
Perspektiven des neuen deutschen Films definieren sollen, wichtige
Anregungen.
Ich entdecke immer wieder, wie viele Menschen es gibt, die kein
Bewußtsein, keine Erkenntnis ihrer und unserer Situation haben.
[...] Nun, ist das so, dass sich auch unsereins in der Einschätzung
einer Situation irren kann: beispielweise 1945. Da glaubten viele
von uns, dass es nun darauf ankomme, sich recht revolutionär
zu gebärden.
Es kam aber darauf an, aufbauende Arbeit zu verrichten, nach all
der Verwüstung, und nicht zuletzt nach all den Verheerungen,
die in den Gehirnen der Menschen angerichtet worden waren.
Obwohl einige seiner Vorschläge mit dem Aufbau der DEFA in
die Tat umgesetzt werden konnten, wird sein wichtigstes Anliegen
jedoch nicht realisiert: Staudte fordert, dass der deutsche Film
durch die intensive Förderung des Filmnachwuchses erneuert
werden müsse.
Schon bald nach Kriegsende, 1946, gerät Wolfgang Staudte zwischen
die ideologischen Fronten der beiden Besatzungsmächte. Seine
Position zwischen den Kulturinstitutionen der Besatzer wird parallel
zur Zuspitzung des Kalten Krieges schwieriger werden. Das Exposé
zu seinem Nachkriegsfilm Die Mörder sind unter uns wurde von
britischen und amerikanischen Kulturoffizieren abgelehnt und schließlich
unter sowjetischer Lizenz realisiert. Es ist die erste Spielfilmproduktion
im Deutschland der Nachkriegszeit und bildete den Anfang von mehreren
"Trümmerfilmen", die als eigenes Genre angesehen
werden können. Gedreht inmitten der zerbombten Trümmer
Berlins, fing der Film die Stimmung der von Enttäuschung und
dem Gefühl des Betrogenseins verhärmten Deutschen ein.
Staudte wird in den nun folgenden Filmen häufig die deutsche
Mentalität und Neu-Orientierung nach der Befreiung vom Nationalsozialismus
reflektieren.
Hildegard Knef spielt in Die Mörder sind unter uns ihre erste
Spielfilm-Hauptrolle. Sie ist die große Entdeckung des Films.
Das Hamburger Real Film Studio nimmt Staudte 1949 unter Vertrag.
Ihm gefällt es, seine Unabhängigkeit von den sowjetisch
kontrollierten Studios zu demonstrieren. Allerdings erkennt er bald,
wie schwierig es ist, seine künstlerischen und moralischen
Ambitionen mit den wirtschaftlichen Interessen der Filmproduzenten
in Einklang zu bringen. Staudte bringt den Widerspruch von moralischem
Engagement und wirtschaftlicher Rentabilität auf folgende Formel:
Es ist schwer die Welt zu verbessern mit dem Geld der Leute, die
die Welt in Ordnung finden.
Zu Beginn der Fünfziger Jahre erhält Staudte wieder mehrere
Aufträge der DEFA. Seine Adaption von Heinrich Manns Der Untertan
(1951) entlarvt nicht nur die Heuchelei und Obrigkeitsfürchtigkeit
des Protagonisten. Staudtes Ziel ist es auch, durch diesen Film
das Bewusstein einer Gruppe zu entlarven, die durch ihr Verhalten
den Ausbruch von zwei Weltkriegen begünstigte.
Ich will die Bereitschaft gewisser deutscher Menschengruppen um
1900 zeigen, die über zwei Weltkriege hinweg zum Zusammenbruch
Deutschlands im Jahre 1945 führte. Es soll eine Weiterführung
meiner Anklage gegen diese Kreise und eine Warnung vor diesen Menschen
sein.
Im gleichen Jahr, 1951, erhält Staudte den Auftrag, den Kriminalfilm
Gift im Zoo zu inszenieren. Die Bundesrepublik übernimmt die
fällige Bürgschaft des Produzenten, allerdings nur unter
der Bedingung, dass Staudte die Regie des Films leitet. Kurz darauf
wird er beschuldigt, am 1. Mai in Ostberlin eine ketzerische Rede
vor Arbeitern gehalten zu haben. Staudte kann die Beschuldigung,
die auf Informationen des Verfassungsschutzes zurückgehen,
mit einem Alibi entkräften: Zum betreffenden Zeitpunkt hat
er neben dem französischen Botschafter beim Internationalen
Treffen der Filmleute in Bacharach gesessen. Bald darauf erhält
Staudte ein Telegram, in dem die schon zugesagte Bürgschaft
annulliert wird. Es sei denn, so das Telegram weiter, Staudte entschließe
sich dazu, nie wieder für die DEFA zu arbeiten und sich öffentlich
vom Kommunismus zu distanzieren. Der Spiegel veröffentlicht
am 12.12.1951 ein Dokument. Darin wird Staudte aufgefordert "einen
deutlich antikommunistischen Artikel publizieren" und "möglichst
bald einen antikommunistischen Film zu inszenieren."
Es war klar, dass das nur ein müdes Lächeln bei mir erzeugte
- ich brach den Film ab und fuhr nach Hause.
Die DEFA plant die Produktion von Bertold Brechts Mutter Courage.
Nach einem Streit Staudtes mit Brecht über die Realisation
des Stücks nimmt er kühlen Abschied von der DEFA und unterschreibt
bei den Bavaria Filmstudios. Die Nachwirkungen seiner Auseinandersetzung
mit der Regierung der BRD bekommt Staudte 1964 zu spüren, als
sein Film Herrenpartie als offizieller deutscher Beitrag nach Cannes
eingeladen wird. Die Bundesrepublik empfindet den Film als "Nestbeschmutzung"
und verweigert die Zulassung zu den Filmfestspielen.
Von 1969 bis 1971 schafft Staudte seinen wohl nicht filmisch anspruchvollsten,
aber organisatorisch schwierigsten und zugleich erfolgreichsten
Spielfilm. Nach der Romanvorlage von Jack London wird Der Seewolf,
ein TV Vierteiler, gedreht. In den folgenden Jahren führt er
bei zahlreichen Kriminalfilmen und Fernsehproduktionen, etwa bei
Der Kommissar, Derrick und Tatort, Regie. Wolfgang Staudte stirbt
am 19. Januar 1984 während der Dreharbeiten zu einem Fernsehfilm
an Herzversagen.
Wolfgang Staudte wurde mit vielen Bezeichnungen versehen. Nannten
ihn einige abschätzig einen Moralisten, andere spöttisch
einen Weltverbesserer, fällt Staudtes tatsächliches soziales
Engagement und sein Nonkonformismus - jenseits aller Titulierung
von Außen - auf. Oskar Lafontaine verfasste 1986 anlässlich
der Ausstellung Wolfgang Staudte - 80 Jahre eine Rede, in der er
die Bedeutung Wolfgang Staudtes für die nachfolgenden Generationen
erörtert. Er erwähnt einen Brief, den Staudte einmal dem
"im Kampf gegen die Nachrüstung angegriffenen" Lafontaine
geschickt hatte:
Seien Sie sicher, es gibt viele, die auf ihrer Seite stehen und
einer davon ist, wie Sie, in Saarbrücken geboren.
Der damalige saarländische Ministerpräsident erkannte
Staudtes Bedeutung für die Regeneration des desillusionierten
deutschen Bewusstseins und die Anleitung, die Staudte nachfolgenden
Generationen gab; die Anleitung zur bewussten Aufarbeitung des Nationalsozialismus.
Eine Demokratie lebt vom Anstand und dem Mut der Bürger, Feigheit
macht jede Staatsform zur Diktatur. Indem wir die Schuld der Vergangenheit
von uns zu wälzen versuchen, machen wir uns erneut schuldig.
Hendrik Schäfer
Alle eingerückten Zitate stammen von Wolfgang Staudte und sind
den unten genannten Publikationen entnommen.
Quellen:
Malte Ludin. Wolfgang Staudte. Rowohlt Monographie. Reinbek, 1996.
Eva Orbanz (Hrsg.). Wolfgang Staudte. Stiftung Deutsche Kinemathek.
Verlag Volker Spiess. Berlin, 1977.
Ralf Schenk. DIE "DUNKLEN" FILME VON WOLFGANG STAUDTE.
Film-Dienst, 21/96.
Karsten Witte. Ein deutscher Traum vom Realismus. Wolfgang Staudte
wird 75 Jahre. Die Zeit, 1981. S. 43-44.
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